Die Preisverleihung (v.l.): Heinz-Willi Stefes (WFG Viersen), Anette Harings (WFMG), Prof. Dr. Michael Braungart (Preisträger), OB Hans Wilhelm Reiners, Monika Griefahn, Michel Weijers (c2cExpolab) und Anastasia Araktsidou (WFG Viersen)             Foto: Markus Rick

Der älteste deutsche Umweltschutzpreis, die Goldene Blume von Rheydt, wurde in diesem Jahr an den deutschen Chemiker Prof. Dr. Michael Braungart verliehen. Der Wissenschaftler gilt als Erfinder des „Cradle-to-Cradle“-Prinzips (C2C), welches Materialien als Wertstoff in geschlossenen Kreisläufen betrachtet, die bei intelligenter Gestaltung von Produkten wertlosen Abfall vermeiden. Im Rahmen der Preisverleihung am 14.09.2019 stellt Prof. Braungart das Prinzip sehr anschaulich dar und machte überzeugend deutlich, dass es nicht um eine „Öko-Idee“ geht, sondern um neue Geschäftsmodelle und effektive Produkte, die sich bereits durch eine Vielzahl von Materialien auf dem Markt behaupten.

Das Team des Healthy Building Network (healthybuildingnetwork.com) freut sich natürlich besonders über die Würdigung von Prof. Braungart und noch mehr über sein Angebot an die Stadt Mönchengladbach, ehrenamtlich für ein Jahr als Berater zur Verfügung zu stehen. Der geplante Rathaus-Neubau in Mönchengladbach soll nach diesem Prinzip errichtet werden. Mit der aktiven Unterstützung bekommt das HBN-Innovationsnetzwerk, welches auf gesundes Bauen spezialisiert ist, wertvollen Input.

Für unser in Kürze wieder erscheinendes Magazin Business in MG haben wir mit Prof. Dr. Braungart gesprochen – das Interview unter der Überschrift „Cradle-2-Cradle ist kein Öko-Thema, sondern ein Wirtschaftsthema“ können Sie vorab und exklusiv bereits hier lesen:

Prof. Dr. Braungart, Ihr Konzept des Cradle-to-Cradle besteht seit vielen Jahren. Trotzdem werden vonseiten der Unternehmen noch immer Bedenken geäußert. Mit welchen Argumenten begeistern und überzeugen Sie die Kritiker?

Prof. Dr. Michael Braungart: Das ist ganz einfach. Bei Cradle-to-Cradle geht es nicht ums Vermeiden, sondern um Innovation, Qualität und Schönheit. Alle  Designschulen dieser Welt, die etwas auf sich halten, lehren Cradle-to-Cradle, weil jetzt die Produktgestalter wichtig werden. Umweltschutz wird in Deutschland als eine Art Schuldmanagement betrieben. Wir sollen sparen, verzichten, reduzieren oder gar vermeiden. Die Nachhaltigkeit, die sich daraus ergibt, ist absolut technologiefeindlich und macht den Kunden zum Feind. Umweltschutz bedeutet nicht, nur weniger schädlich zu sein. Wir wollen doch gut sein für unsere Umwelt. Bei Cradle-to-Cradle geht es nicht um Moral. Es ist alles nützlich anstatt weniger schädlich. Je mehr man kauft, desto besser. C2C ist
kein Öko-, sondern ein Wirtschaftsthema.

Sie sprechen von „intelligenten Produkten“. Was genau meinen Sie damit?

Prof. Dr. Michael Braungart: Produkte, aus denen Abfall wird, sind dumm und von schlechter Qualität. Nehmen wir das Thema Recycling. Ich halte das für innovationsfeindlich. Neue Dinge kommen nicht auf den Markt, weil die alten optimiert werden. Das Falsche wird perfekt und damit perfekt falsch. Cradle-to-Cradle ist besser als Recycling. Die Materialien, die eingesetzt werden, können in der Biosphäre oder in der Technosphäre komplett verwertet werden. Ich habe zum Beispiel kompostierbare Stoffe für Sitze in Zügen oder Flugzeugen entwickelt, die als Torfersatz in Gärtnereien enden und nicht als Sondermüll verbrannt werden müssen und niemandem mehr nützen.

Dieser Stoff ist doch bestimmt sehr teuer, oder?

Prof. Dr. Michael Braungart: Nein. Die Herstellung dieses Stoffs ist 20 Prozent günstiger als bei konventioneller Ware. Es fallen geringere Arbeitsschutzkosten an und es gibt keine Abfallprobleme mehr.

Welche weiteren Anreize sollten Ihrer Meinung nach geschaffen werden, um das nachhaltige Bauen noch attraktiv zu machen?

Prof. Dr. Michael Braungart: Es braucht keine Anreize. Cradle-to-Cradle ist inzwischen eine weltweite Bewegung geworden, bei der schon 11.000 Produkte entstanden sind. Früher dachte ich, es dauert 100 Jahre. Doch wenn die Umsetzungsgeschwindigkeit so bleibt, dann wird vor 2050 alles Cradle-to-Cradle sein. Das Konzept setzt sich jetzt auch so schnell durch, weil es die Voraussetzung für die Digitalisierung ist. Man kann nichts digitalisieren, wenn man nicht genau weiß, was es ist und was es enthält. Zudem muss die Industrie darauf umsteigen, Nutzung zu verkaufen anstatt Maschinen. Maschinen können in der digitalen  Welt innerhalb kürzester Zeit kopiert werden. Und dann konkurrieren sie mit ihrem eigenen Nachbau.

In den Niederlanden ist man Cradle-to-Cradle gegenüber aufgeschlossener, wie das euregionale Netzwerk „Healthy Building Network“ zeigt. Warum sind uns unsere Nachbarn bei Innovationen der Entwicklung voraus?
Prof. Dr. Michael Braungart: Die Niederländer romantisieren die Natur nicht und sprechen nicht von Mutter Natur. Sie haben verstanden, die Natur als Partnerin und Lehrerin zu betrachten. Wir müssen von der Natur lernen und trotzdem stolz auf den eigenen Fußabdruck sein. Es geht nicht um Effizienz,  sondern um Effektivität. Die Frage ist: Was ist das Richtige? Und nicht: Wie können wir bestehende Dinge richtig machen?

Weitere Infos zur Person und Preisverleihung finden Sie hier: https://www.moenchengladbach.de/de/aktuell-aktiv/newsroom/news/die-goldene-blume-fuer-prof-dr-michael-braungart/

Die Internetseite von Prof. Dr. Braungart: http://braungart.epea-hamburg.org/de

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